Der erste Schultag — Die «Linejka»

Am 1. September feiern die Schulen in ganz Russland sich selbst und ihre Schueler mit einer begeisternden Veranstaltung, die nur lachende Gesichter kennt

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Die «Linejka»

Auf dem Schulhof versammeln sich Hunderte von gluecklichen, lachenden Menschen. Es sind Lehrer, Eltern und natuerlich Schueler, die wie jedes Jahr am 1. September den Beginn des neuen Schuljahres feiern. Ich hatte schon davon gehoert, dass es in Russland solche Veranstaltungen gibt, konnte mir aber nichts Genaues darunter vorstellen. Waehrend meiner Schulzeit war der erste Tag des Schuljahres nie etwas Besonderes. Der Klassenlehrer verteilte die Stundenplaene und las jedes Jahr aufs Neue die Schulordnung vor, obwohl es nie Aenderungen gab. Das Spannendste an diesem Tag war immer die Frage, welche Lehrer mich in diesem Jahr unterrichten werden.

In Russland hingegen beginnt das Schuljahr mit Musik, die ueber den Schulhof schallt. Die Schueler freuen sich darueber, dass sie nach den langen Ferien ihre Freunde wiedersehen. Manche Lehrer begruessen ihre Schueler sogar mit einer Umarmung.

Die Veranstaltung selber wird «Linjejka» genannt, auf deutsch Appell. Sie beginnt, indem die Erstkl??ler von ihren Klassenleitern ueber den ganzen Schulhof bis vor die Baehne gefuehrt werden. Die Maedchen tragen Kleider und grosse Schleifen im Haar, die Jungen Anzuege mit Krawatte, fast alle halten einen Blumenstrauss im Arm. Es folgen weitere Schueler, die Lehrer, ein Fahnenbanner und viele, viele Blumen.

Im Wesentlichen besteht die Feier zum Schulanfang aus Reden — der Direktor sagt ein paar Worte, unter Umstaenden der Buergermeister, es werden Telegramme von Politikern vorgelesen. Die trockenen Reden werden durch Tanz- und Gesangsvorfoehrungen der Schueler aufgelockert. Diese sind auf hohem kuenstlerischem Niveau und teilweise wirklich beeindruckend. Vergleichbare Leistungen habe ich von deutschen Schuelern nie gesehen.

Die «Linjejka» wird beendet und das neue Schuljahr begonnen, indem eine Schulanfaengerin um den ganzen Schulhof getragen wird, wobei sie eine Glocke laeutet — sie laeutet symbolisch das neue Schuljahr ein.

Damit ist zwar die offizielle «Linjejka» beendet, die Feier allerdings noch lange nicht. Die aelteren Schueler verteilen sich ueber die Stadt und trinken bis spaet in die Nacht Alkohol. Ich bezweifle, dass das den Start in den Unterricht am Morgen des 2. September leichter macht.

In Deutschland ist die Zeit der grossen Feiern immer am Ende des Schuljahres. Die Abiturienten blockieren fuer einen halben Tag die Schule und feiern mit allen Schuelern ihren Erfolg, indem sie Spaesse ueber die Lehrer machen. An den letzten zwei bis drei Schultagen findet an manchen Schulen kein regulaerer Unterricht mehr statt. Ein kuenstlerisches Niveau, wie bei der «Linjejka» wird in der Regel aber nicht erreicht.

Schuluniform

Eine Besonderheit an diesem 1. September war, dass russlandweit die Schuluniform wieder eingefuehrt wurde. Wie diese aussehen muss, darf jede Schule selbst entscheiden. Viele beschraenken sich auf die Festlegung, dass die Schueler im Unterricht serioes gekleidet sein muessen, die Maedchen mit dunklem Rock und heller Bluse, die Jungen mit dunkler Hose und weissem Hemd.
Lehrer und Eltern der Schueler finden viele Gruende, fuer die Uniform zu sein. Am haeufigsten sagen sie, dass die Schueler dadurch diszipliniert werden. Dass dies nicht nur eine Hoffnung der Eltern ist, bestoetigt Inna, Englischlehrerin an einem Gymnasium. Sie sagt, die Schueler wuerden sich im Unterricht tatsaechlich besser benehmen, wenn sie gut gekleidet sind.

Ljudmila, Mutter des 10-jaehrigen Jura, freut sich darueber, dass man ihren Sohn an dem Anzug als Schueler erkennen kann. Ausserdem fuehle er sich so viel erwachsener. Jura bestoetigt das gerne. Man kann ihm und seinen Bewegungen den Stolz ansehen, mit dem er seinen Anzug traegt.

Einige Schueler sehen das allerdings anders. Evgenij, 15 Jahre, Schueler der 10. Klasse, mag seine Uniform nicht und begruendet es mit einer simplen Aussage: «Ich trage einfach nicht gern Anzuege». Als die Englischlehrerin Inna ihre Schuelerinnen fragt, was sie ueber die Uniform denken, kommt als Reaktion einstimmige Ablehnung. Ihre Begruendungen sind aber nicht viel besser, als die von Evgenij: Die Kleidung sei unbequem, die weissen Blusen wuerden schnell dreckig, es sei langweilig, jeden Tag das Gleiche zu tragen und ueberhaupt sei die Uniform «idiotisch».

An der Uniform liegt es wahrscheinlich nicht. Aber die Freude und die Leistungen der russischen Schueler zum Schulanfang am 1. September haben mich beeindruckt.

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